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18. Mai 2008
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Tagesthema:

„Seelsorge im Dialog?
Theologische und psychologische Aspekte für die Praxis“

Univ.-Doz. Dr. Peter F. Schmid

(Der Referent wird den Text seines Vortrages der Zeitschrift „Wir sind Kirche“ zur Verfügung stellen
(
http://www.wir-sind-kirche.at). Wir beschränken uns daher auf eine knappe inhaltliche Wiedergabe.)

Hartwin begrüßt den Referenten und stellt ihn kurz vor: Theologe und Psychotherapeut, verheiratet, zwei erwachsene Kinder. Beruflich zuerst Pastoralassistent im großen Studentenheim Pfeilgasse, Wien 8 (Initiative „Bretterhaus“). Dr. theol., habilitiert für Pastoraltheologie, Univ.-Doz. in Graz, Gastprofessuren an Universitäten in Österreich, Europa und den USA. Viele Publikationen, vor allem auch im Zusammenhang mit der zweiten beruflichen Schiene: Freiberuflicher Psychotherapeut („Personzentrierte Psychotherapie“ nach Carl Rogers), darüber hinaus seit den Achtzigerjahren (noch zu Lebzeiten und in Zusammenarbeit mit Carl Rogers) führend in der Etablierung und Weiterentwicklung der Personzentrierten Psychotherapie in Österreich und Europa tätig, Ausbildner für Psychotherapie und Supervision, Supervisor, Coach ... Publikation vieler Fachbücher (das Thema dieses Nachmittags betreffend z. B.: Peter F. Schmid, Im Anfang ist Gemeinschaft, Personzentrierte Gruppenarbeit in Seelsorge und praktischer Theologie, Kohlhammer 1998), Zeitschriftenartikel, Mitarbeit in Redaktionen (z. B. „Diakonia“) u. a.

Der Referent strukturiert sein Statement in fünf Abschnitte:

I. Macht
-1  Macht kommt von mögen, Möglichkeit, Potenz. Macht ist die Fähigkeit, eigene Potenziale zu aktualisieren und damit eine erwünschte Veränderung zu bewirken. Machtausübung bedeutet Ermöglichung, Er-Mächtigung (empowerment).
-2  „Gottes Allmacht ist schöpferische Macht, die das Geschöpf in seine ihm zukommende Macht und freie Verantwortung vor Gott und den Mitgeschöpfen stellt“ (Thomas v. Aquin).
-3  Die jüdisch-christliche Geschichte ist eine Geschichte der Machtrelativierung. Christlicher Umgang mit Macht ist kritischer Umgang mit Macht. Macht bedeutet Sorgepflicht. Seel-Sorge bedeutet Ermächtigung.

II.  Seelsorge
-1  Seelsorge ist die wechselseitige Förderung der Christinnen und Christen beim Christsein.
-2  „Vergebt einander, ermahnt einander, stärkt einander, nehmt einander an“ (Röm 16,7 - z. B.). „Unter allen Gläubigen besteht, und zwar auf Grund ihrer Wiedergeburt in Christus, eine wahre Gleichheit in ihrer Würde und Tätigkeit, kraft der alle, je nach ihrer eigenen Stellung und Aufgabe, am Aufbau des Leibes Christi mitwirken“ (CIC, can. 208).
-3 Personale Seelsorge ist Begegnung. Begegnung ist un-Mittel-bar.

III.  Dialog
-1  Dialog ist die Sprache der Begegnung. Dialog ist nicht Mittel, sondern der Inhalt des Glaubens. Dialog ist „im Anfang“; wir sind Dialog. Gott ist Gemeinschaft („Drei-Einigkeit“), ruft in die Gemeinschaft, stiftet Gemeinschaft.
-2  Dialog ist ein personales Geschehen. Im Dialog begegnet mir der/die andere als Anderer. Dialog ist un-Mittel-bar.
-3  Dialog ist nichts Abgeleitetes, Sekundäres. Dialog gibt es auf Grund der ursprünglichen Pluralität. Wahrheitserkenntnis ist nur im Dialog möglich.
-4  „Ein besonderer Grund für die Würde des Menschen liegt in der Berufung des Menschen zur Gemeinschaft mit Gott. Zum Dialog mit Gott wird der Mensch schon von seinem Ursprung her eingeladen: er existiert nämlich nur, weil er, von Gott aus Liebe geschaffen, immer aus Liebe erhalten wird“ (Gaudium et Spes, Art. 19).

IV.  Präsenz
-1  Das Wort „Präsenz“ ist aus dem lateinischen selbständigen Zeitwort „sein“ („sum“, „esse“) und der verstärkenden Vorsilbe „prae-“ zusammengesetzt und bedeutet: „selbst, persönlich, lebendig, leibhaftig anwesend sein“, also: im Dialog mit dem Dialogpartner als menschliche Person „wirklich da sein“.
-2  Die Humanwissenschaften haben erforscht, welche Voraussetzungen für Kommunikation als Dialog nötig sind: Authentizität - Wertschätzung ohne Bedingungen - Empathie.

V.  Zeugnis
-1  Gott selbst ist Dialog. Gott lädt zum Dialog ein. Die Menschen sind dialogisch. Die Kirche muss dialogisch sein, Seelsorge muss dialogisch sein. Die Kirche ist das Sakrament des Dialogs.
-2  Das erfordert pluralistisches Denken. Unter anderem die Arbeit in der Gruppe bietet dazu viele Möglichkeiten.
-3  „Die Missionare haben durch das Zeugnis ihres Lebens und ihres Wortes mit den nicht an Christus Glaubenden einen ehrlichen Dialog zu führen“ (CIC, can. 787 § 1).
-4  Dialog ist Zeugnis. Dialog - Handeln aus dem Bewusstsein, von Anfang an bestehender, Grund-legender Gemeinschaft - ist ein Name für die Kirche in der Welt von heute.

Aus dem Gespräch:

Im Gespräch sollen zunächst Wortmeldungen gesammelt werden, zu denen der Referent dann Stellung nimmt, es entwickelt sich aber bald ein Gruppengespräch mit Meinungsaustausch unter den Gruppenmitgliedern selbst und gegebenenfalls Interventionen des Referenten. Das Gespräch wird Im Folgenden thematisch strukturiert dargestellt.

Zunächst einzelne Wortmeldungen oder auch Fragen: Sind hierarchische Systeme (wie z. B. eben Kirche, Schule u. a.) überhaupt „dialogfähig“? ; Waren oder sind nicht oft auch dogmatische Entscheidungen (die doch von beträchtlichem kirchlich-praktischem Gewicht sind und den Einzelnen in seinem Gewissen auch sehr belasten können) „Herrschaftsentscheidungen“ , bei denen nicht so sehr der Glaubensinhalt und seine Auslegung für das Leben, sondern auch ganz andere Motive im Spiel waren und sind?;
Eugen Drewermann hat (u. a. in „Kleriker“) deutlich aufgezeigt, was alle, die um einen Dialog mit den verantwortlichen Amtsträgern bemüht sind, praktisch erleben: Dialogverweigerung, „Flucht ins System“. Wie damit umgehen?

Der Referent: Für die angesprochene Dialogverweigerung wären viele Gründe zu nennen. Ein sehr entscheidender ist die Angst vor Herrschaftsverlust, verstanden als Gebrauch von Macht im „eigenen Interesse“, weil die kirchlich Verantwortlichen „nicht mehr das Sagen haben“ könnten, um den Zusammenhalt der Kirche zu garantieren. Wo Vertrauen auf die geistgewirkte Entwicklung des Reiches Gottes gegeben ist, dürfte diese Angst nicht auftreten, aber die Erfahrung mit bedrohlichen Situationen führt eben immer wieder zur Anwendung von Herrschaftsmitteln. Wir erleben gegenwärtig das Ende der „Konstantinischen Zeit“ (den Untergang der Gestalt der Kirche, wie sie seit Kaiser Konstantins Edikt von 313 bis zu den einschneidenden gesellschaftlichen Veränderungen der allerletzten Jahrzehnte unbestritten war). Dass die Institution Kirche bedroht ist, ist auch einer der wirkmächtigsten Gründe dafür, dass es so wenige Priester gibt: Die früher sehr angesehene gesellschaftliche Stellung des Priesters ist heute nicht mehr gegeben. Wir haben im 20. Jhdt. den Zusammenbruch autoritärer Systeme erlebt. Auch das autoritäre System Kirche wird in den sich so grundlegend wandelnden Gesellschaften zusammen brechen. Die Kirche wird sich aber in Gemeinschaften, die sich dem Wirken des Geistes öffnen, auch wandeln und neu entstehen .

Aus dem Kreis kommen diverse Hinweise zu der vom Referenten angesprochenen Situation: Die kirchlichen Verantwortungsträger sind meist gar nicht imstande, sich eine andere Gestalt von Kirche als die „konstantinische“ überhaupt vorzustellen; Es geht bei diversen mahnenden oder verurteilenden Äußerungen der Kirchenleitung nicht wirklich um die Glaubensinhalte, sondern um die Verteidigung einer Ideologie ; „Dialog“ war bei Bischöfen oft noch nicht einmal ansatzweise so verstanden, wie er heute verstanden wird oder verstanden werden müsste (das Buch Josef Bruckmoser, Johann Weber - Kirche auf der Spur des Konzils, Styria 2001 wird zitiert, das ausweist, wie versucht wurde, aufmüpfigen Äußerungen der Katholischen Studierenden Jugend zum Thema Sexualität durch eine „dialogische“ Veranstaltung zu begegnen, die ein „Dampf ablassen“ bewirken sollte). Wir sind auch heute noch nicht wesentlich weitergekommen. Der Referent weist demgegenüber darauf hin, dass im II. Vatikanum und den auf das Konzil folgenden regionalen Synoden sehr wohl Dialog stattgefunden hat. Die Geschichte zeigt, dass auch die dogmatischen Entscheidungen der Konzilien erst nach längeren Auseinandersetzungen rezipiert worden sind. Mit Ähnlichem ist auch heute zu rechnen.

Grundsätzliche Fragen werden aufgeworfen und diskutiert: Wenn der Mensch schon von Geburt an auf Dialog angelegt ist - warum fällt Dialog dann so schwer? Die Menschen schätzen sich offenbar nicht als gleichwertig ein. Der „Fachmann“ weiß es immer besser und lässt sich vom anderen nichts sagen; Auch wenn zwei einander persönlich wohlwollen - wenn sie inhaltlich nicht übereinstimmen kommt es sehr schnell zu Dialogverweigerung und Abbruch der Kommunikation; Gerade wenn man jemanden liebt, besteht doch der Wunsch, im Partner den Gleichen oder Ähnlichen zu finden - ist das nicht dem Dialog abträglich? Wie ist es überhaupt - angesichts der Ergebnisse der Hirnforschung - um den „freien Willen“ bestellt? Der Mensch scheint vor allem von seinen Emotionen her gesteuert zu sein. Bei Laien und Bischöfen scheint „Wohlwollen“ doch gegeben zu sein. Warum ist dann ein Dialog nicht möglich? Und: Wem „hilft“ dann eigentlich das Sich-in-den-anderen-Hineinfühlen?

Der Referent hält fest, dass eine Grundhaltung sein muss, nicht zum Dialog zwingen zu wollen. Es muss die Bereitschaft zuzuhören bestehen. Wenn kein Interesse gegeben ist, sich vom anderen etwas sagen zu lassen, kann Dialog nicht funktionieren. In der Gruppe wird daraufhin diskutiert, dass der Mensch als Leib-Geist-Wesen in seinem Innersten in einer ganzheitlichen Weise zu erfassen imstande ist, was dem Leben und Zusammenleben der Menschen dient und was ihm schadet. „Gemüt“ und Gewissen sind zentrale „Organe“ des Menschen, die aber freilich durch entsprechende Erfahrungen und Triebimpulse verschüttet und blockiert werden können. So ist eben der Mensch und es gilt, ihn eben so anzunehmen und auf seine Freiheit und Liebesfähigkeit zu setzen.

Provokant wird gefragt: Das derzeitige System muss offenbar aussterben. Was kann man zur Beschleunigung tun? Im Kreis entsteht eine Kontroverse. Dem Wunsch nach schnellerem „Absterben“ eines Systems, das in Gefahr steht, zu einer Sekte zu werden, wird der Wunsch gegenübergestellt, es möge der nicht unbeträchtlichen Zahl von Katholiken, die „versorgt“ werden wollen, möglichst lange der Dienst der Kirche geleistet werden, auf den sie Anspruch haben. Freilich, ohne die Aufgabe zu vernachlässigen, sich angesichts von Missständen immer wieder kritisch zu Wort zu melden und Veränderungen vorzuschlagen .

Der Referent in einem Schlusswort: Dem Einzelnen „hilft“ das „Einfühlen“ nicht. Dialog und dialogische Haltung können nur in Gruppen erlernt und eingeübt werden. Und auch kirchliche Veränderungen können nur im Dialog zwischen denen gesucht werden, die unterschiedlich eingestellt sind und unterschiedlich theologisch denken. Man darf und muss den Menschen etwas zutrauen, sonst kommt es zum Schlimmsten, was der Kirche widerfahren könnte: Spaltung. Man sollte sich bewusst machen, welche großen und nicht mehr rückgängig zu machenden Veränderungen sich in den letzten Jahrzehnten ergeben haben. Das kann Mut machen - auch wenn die Kirche vielleicht nicht mehr zu unseren Lebzeiten ihre erhoffte neue Gestalt gewinnen wird.

            Für das Protokoll:  Helene Artner
                                         Hartwin Schmidtmayr